Zum Inhalt:

Unsere Gesellschaft, in welcher es kaum noch tragfähige Gruppen gibt, ist von einer "Individualisierung des Individuums" gekennzeichnet. Beobachtungen zeigen, daß soziale Ausschließungsmechnismen dem Einzelnen zur existentiellen Gefahr werden können, wenn er nicht über ein gesundes Fundament ökonomischer und handlungsmechanischer Natur für das adäquate Durchleben dieser Mechanismen verfügt. Die genannten Mechanismen treten dann in Kraft, wenn die Kompensation der jeweiligen Belastungen mißlingt. Das Gleichgewicht zwischen Be- und Entlastung wird gestört und auch eine "Simulation von Souveränität" versagt ihren Dienst, da sie denaturierten Charakter besitzt. Hierbei sei vor allem auf die krankmachenden Auswirkungen von Streßbelastungen (Distreß) hingewiesen. Um diese auszugleichen, entwickelten sich in der Geschichte der Menschheit viele Entspannungsverfahren. Eine der Ältesten ist die Meditation. Aber auch die progressive Muskelentspannung nach JACOBSON oder eine breitensportliche Betätigung lassen sich alltagsintegriert und zielorientiert zum Abbau von Verspannungen durchführen. Wo einer starken Spannungssituation mit mittelgebundem Suchtstoffgebrauch begegnet wird, werden andere Möglichkeiten der Revitalisierung eingeschränkt. Der gestreßte Mensch neigt dann dazu, bei entsprechend ähnlichen Momenten, seine Streßsymptome immer wieder mit Drogen "unter Kontrolle" zu bringen. Anfangs reagiert der Körper unmittelbar auf eine gewisse Dosis und schafft so auf relativ unkonventionelle Art eine schnelle Entlastung. Wenn der Suchtmittelgebrauch allerdings dazu führt, daß dieser als Hauptkompensationsmittel fungiert, so kann es zu einer Abhängigkeit, respektive Sucht, kommen. Diese führt je nach Ausformungstendenz zu einschneidenden Sozialisationsbrüchen. Nach etlichen glücklosen Versuchen, sich selbst von der Suchtmittelabhängigkeit zu befreien, müssen sich viele Suchtkranke professionellen Fachkräften anvertrauen. Hier setzen verschiedene Therapien und Modelle an. In der vorliegenden Forschungsarbeit möchte der Verfasser dem Rezipienten das "Kompensatorische Laufen" als eine alternative Behandlungsmaßnahme in der Suchtkrankenhilfe vorgestelien. Es wird der Frage nachgegangen, ob Laufen zur Überwindung einer Suchterkrankung beitragen kann und diesbezüglich eine Art Ersatz und Selbstsubstitution darstellt. Um dies herauszustellen, ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Zunächst gilt es, Sucht zu definieren, ihre Entstehung darzustellen und im Rahmen von Fragen der gesellschaftlichen Relevanz von Sucht statistische Erhebungen zu analysieren. Im zweiten Abschnitt sollen die Grundlagen des Laufens und seine Auswirkungen auf die menschliche Physis und Psyche herausgearbeitet werden. Dazu stellt der Verfasser Beispiele aus der Praxis, ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse, vor. Insbesondere geht es um die Verknüpfung des Laufens mit anderen ausgewählten Verfahren wie beispielsweise der Meditation und des Autogenen Trainings nach SCHULTZ. Fragen der religionspädagogischen Begleitung suchtkranker Menschen werden anwendungsbezogen erörtert. Bevor eine Zusammenfassung der konstatierten Ergebnisse die Forschungsarbeit beendet, wird im dritten Abschnitt auf den Bezug des "Kompensatorischen Laufens" zur Sozialpädagogik eingegangen. Die Überlegung, ob in Verbindung mit dem Ausdauerlauf ebenfalls von einer Sucht, der "Laufsucht", gesprochen werden kann, wird ebenso behandelt wie die Frage, welchen Platz die Lauftherapie im Kontext zu einem anderen Verfahren, der Psychotherapie, einnimmt.